Dienstag, August 01, 2006

01. Aug: Das Geheimnis Harvards

Mein zweiter Tag - Eigentlich müsste ich heute pünktlich um halb neun im Lab sein, aber ausgerechnet heute vertrödle ich irgendwie irgendwo Zeit. Um doch noch rechtzeitig da zu sein, muss ich von der T-Station bis zum Labor-Gebäude immer wieder ein paar Schritte laufen. Und das ist bei der schwülen Hitze, die wir heute morgen schon haben, sehr unangenehm. Und dann hält mich auch noch die Wache am Eingang auf! Sehe ich denn wirklich so gefährlich aus? Zumindest bekomme ich auch heute nach einem Kontrollanruf im Lab einen Besucher-Pass, der allerdings nur einen Tag gültig ist.

Im Lab angekommen machen wir - das heißt Tom, Pedro, Rafal und ich – uns direkt zu Dr. Randy King auf. Wir treffen uns mit ihm, da er einige Erfahrung im Umgang mit Ubiquitinierung hat. Und da wir genau das nachstellen wollen, hoffen wir von ihm ein paar gute Ratschläge zu bekommen. Und das scheint das tolle hier an der HMS zu sein: Egal was Du machen willst, Du findest fast immer jemanden, der damit zumindest etwas Erfahrung hat und nur einen Flur oder ein Stockwerk entfernt sitzt...

Nach diesem Treffen gehe ich noch schnell mit Pedro und Andy zu StarBucks. Und im ersten Moment hauen mich die Preise, die über der Theke zu lesen sind, um! Ab vier Doller aufwärts; für Kaffee oder Tee... Zum Glück sind das aber nur besondere Sachen. Mein normaler kleiner Kaffee ist im Endeffekt auch nicht viel teurer als in der Stadtbäckerei Lübeck (1, 55$). Aber dafür ist mehr drin als zu Hause (so viel, dass fast kein Platz mehr für Milch ist (-;).

Von StarBucks gehen wir direkt zum so genannten „Lab-Meeting“. Da stellt jeder reihum den Fortschritt seines Projektes dar. So bekomme ich also nach und nach einen Eindruck, was hier so alles gemacht wird. Nachdem einige kleineren Probleme besprochen wurden (defekte Zentrifuge, irgendwas an ein anderes Lab verliehen und nur kaputt zurück bekommen) stellt Tom mich noch ganz kurz vor und schon geht der Vortrag los. Heute ist einer dran, der versucht Sec61 bzw. SecYEG zusammen mit gebundenem Ribosom zu kristallisieren. Mal davon abgesehen, dass es sich um Kristallographie handelt, muss ich sagen, dass es dafür gar nicht so uninteressant ist. Denn immerhin hätte ich nicht gedacht, dass es möglich wäre einen so großen Komplex, der dazu noch teilweise aus einem Membranmolekül besteht, zu kristallisieren.

Außerdem machen wir heute ein Labor-Gruppenfoto. Ich denke, ich werde die Namen der Leute draufschreiben, damit ich nicht immer wieder fragen muss, wer das nun schon wieder war.

Und am Nachmittag habe ich dann einen Termin in der Verwaltung. Ich hoffe, dass ich dann endlich erfahre, wie ich einen Ausweis bekomme, damit ich nicht jeden morgen bei der Wache um Einlass ersuchen muss. Meine Frage wird zwar beantwortet, allerdings nicht zu meiner vollen Zufriedenheit. Ich kann mir zwar morgen im ID-Office eine „Green-Card“ (was auch immer das sein mag) abholen, mit meiner richtigen ID-Card dauert es aber noch etwas. Zunächst muss mir eine ID-Nummer zugeteilt werden. Die notwendigen Papiere dafür sind zum Glück bereits irgendwo im Verwaltungsapparat unterwegs. Sobald ich dann die Nummer habe kann ich meine Karte beantragen, vorausgesetzt, ich habe bis dahin zwei Kurse absolviert. Kurse? Ja, denn als neu Angestellter muss ich so was wie einen Strahlenschutzkurs ablegen (derzeit nur online) und ich muss an einem „New Research Orientation Training“ teilnehmen, das das nächste Mal erst am 17. August stattfindet. Super... Zumindest weiß ich nun, dass Deutschland nicht die schlimmste Bürokratie der Welt hat.

Nebenbei glaube ich heute auch das Geheimnis gelüftet zu haben, warum Harvard und das MIT hier in Boston so große internationale Erfolge verzeichnen. Es hat nichts damit zu tun, dass hier mehr Geld zur Verfügung gestellt wird (obwohl das bestimmt auch eine Rolle spielt), sondern vielmehr damit, dass das Wetter so heiß und drückend in den Sommermonaten ist, dass bestimmt niemand freiwillig das Labor oder den Gebäudekomplex verläßt, wo es dank air-Conditioning immer angenehm kühl ist. Denen bleibt hier nichts anderes übrig als viel zu arbeiten...